Santana. Die Geschichte
Von Hagen Rudolph (Autor des Buches "Carlos Santana und Band")
Vorgeschichte
Carlos Santana und Band - Every Step Of The Way (Hagen Rudolph, 2008 Heel-Verlag)
Die mexikanische Stadt Autlán de Navarro in der Provinz Jalisco am 20. Juli 1947. In der Musikerfamilie von José Santana und Josefina Barragan erblickt ein Kind das Licht der Welt, welches den Namen Carlos Augusto Alves erhält. Carlos ist der mittlere von insgesamt sieben Geschwistern, drei Jungs und vier Mädchen (Antonio, Laura, Irma, Carlos, Leticia, Jorge, Maria). Schon sein Großvater und Urgroßvater sind Musiker. Diese Tradition wird Carlos fortsetzen - nicht nur er.
Carlos' Vater ist ein bekannter Violinist in einer Mariachi-Band. "Er zeigte mir, wie man mit Vögeln spricht. Er machte ungefähr so (pfeift). Er sagte: 'Pass auf.' Er nahm seine Violine und spielte und machte bestimmte Dinge mit dem Bogen und der Violine, und die Vögel kamen herüber und begannen, meinen Vater zu betrachten, ihre Köpfe vor und zurück zu bewegen. Dann pfiffen sie zurück, was er von sich gab. Als ich fünf oder sieben Jahre alt war, zeigte er mir das und ich flippte aus. Es war, als hätte er mir den innersten Code verraten. Durch Klänge kann man also mit Vögeln und Menschen und Pflanzen sprechen. Einfach 'Hier ist der Code, Junge.' Hier ist der universelle Ton, und der bin ich. Ich bin ein universeller Ton wie Bob Marley und Coltrane. In einer Note wissen die Menschen, wer ich bin.
Mein Vater lehrte mich, dass es einen Weg gibt, Klang und die mitschwingende Vibration mit dem Herzen des Zuhörers zu verbinden. Es macht mir viel Spaß, zu entdecken, wie ich mich und auch sie aktiviere, um spirituelle Freude auszulösen".
Ende Juli 1955 zieht die Familie Santana in die Grenzstadt Tijuana. Sie wartet auf eine Gelegenheit, in die USA auszuwandern. José Santana erkennt Carlos' musikalisches Talent und bringt ihm schon früh das Spielen auf dem Streichinstrument bei.
Bereits im Alter von zehn Jahren begleitet er seinen Vater bei Auftritten und verdient sich sein Taschengeld als Straßenmusiker, indem er Lieder für amerikanische Touristen fiedelt. Er wird älter, spielt gar in Bars, doch die Geige sagt ihm immer weniger zu. "Ich hasste ihren Klang und ihren Geruch. Ich fand einfach keinen Zugang". Trotzdem wird sie sein Spiel nachhaltiger prägen, als die harschen Worte vermuten lassen.
Als Jugendlicher bewegt sich Carlos mit offenen Augen durch Tijuana. Straßenmusiker spielen amerikanische Hits aus dem Radio. Die elektrische Gitarre fasziniert ihn. Eines Tages passiert es. Bei dem elfjährigen Carlos schlägt es ein wie ein Blitz - "Bam!". Elektrische Gitarre will er spielen. Er wird nie etwas anderes machen, steht von diesem Moment an für ihn fest. Tatsächlich bekommt Carlos bald darauf seine erste Gitarre geschenkt, eine fette Gibson L5, wie die von Wes Montgomery.
Dank seiner Geigenerfahrung lernt er den Umgang mit dem neuen Saiteninstrument ziemlich schnell. Bald wird er als Musiker in einem Striplokal angeheuert, wo er Geld verdient - als Zwölfjähriger.
1962 schließlich zieht seine Familie nach San Francisco. Carlos kehrt zwar vorübergehend nach Tijuana zurück, doch im Herbst 1963 holt Familie Santana ihn endgültig in die Vereinigten Staaten.
Er muss wieder die Schulbank drücken, nutzt neben der Highschool aber jede Gelegenheit, um mit den unterschiedlichsten Musikern zu arbeiten, sein Repertoire zu erweitern und ständig dazuzulernen. Carlos spielt in diversen Schulbands.
Seine große Liebe ist der Blues. Nach dem Verlassen der Highschool gründet er mit anderen die Santana Blues Band. Der Name lehnt sich an die Paul Butterfield Blues Band an. Das Anhängsel "Blues Band" bleibt später auf der Strecke. Zur Band gehören 1966 neben Carlos auch Gregg Rolie an der Hammondorgel und Michael Carabello an den Congas. Der steigt 1967 aus und wird durch Marcus Malone ersetzt, während Bob "Doc" Livingston das Schlagzeug übernimmt. Schließlich stößt Bassist David Brown zu ihnen.
In dieser Formation machen sie im Januar 1969 erste Aufnahmen für das Debütalbum. Die werden jedoch verworfen, denn bei ihnen läuft einiges schief. Livingston erfüllt nicht die Erwartungen und Malone steht unter Mordverdacht. Beide fliegen raus. An den Drums steigt der hervorragende Michael Shrieve ein. Für die Percussion holt man Carabello zurück und außerdem José "Chepito" Areas, der neben Timbales, Congas und Bongos auch das Flügelhorn spielt.
Latinrock
Bill Graham bringt Santana 1969 auf dem Woodstock-Festival unter. Das ist der Durchbruch. Santanas fulminantes, durch den Film zur Legende gewordenes "Soul Sacrifice", bei dem die Musiker unübersehbar alles geben, elektrisiert das Publikum.
Das erste Album der Band überzeugt ebenso in seiner ungezügelten Wildheit. Es wird 108 Wochen lang in den Billboard-Charts stehen, mit einer Höchstplatzierung auf Rang 4. Ein umwerfender Einstieg, zugleich Auftakt einer beispiellosen Entwicklung und Karriere. Dieses Debütalbum von Santana darf in keiner Liste der besten oder wichtigsten Rockalben fehlen. Es führt afrokubanische Percussionelemente und Instrumente wie Congas, Bongos und Timbales mit einer Urgewalt in die Rockmusik ein, die im Woodstock-Jahr für Furore sorgt. Songs wie "Jingo" und "Evil Ways" haben die Fans noch nicht gehört.
Hier kommt Latinrock.
Kaum zu glauben, dass es in lediglich einer Woche aufgenommen wird. "Eigentlich brauchten wir zwei Tage für's Aufnehmen und zwei Tage für's Abmischen", sagt Carlos. Mehr ist nicht nötig, denn die Musiker spielen das Material bereits seit anderthalb Jahren auf der Bühne und kennen es bestens. Allerdings werden die Arrangements der live meist recht ausgedehnten Songs auf eine radiofreundliche Länge gekürzt und dadurch in ihrer Intensität komprimiert.
Carlos Santana erzählt, wie es dazu kommt. "Bill Graham nahm uns mit in sein Büro und sagte: 'Also, eure Musik ist großartig, aber ihr braucht einige Songs. Wenn ihr einen Vertrag unterschreibt, werden sie euch als erstes sagen, dass ihr dreieinhalb-Minuten-Singles braucht.' Und logisch, als wir bei Columbia unterschrieben, sagte Clive Davis genau dies zu uns".
Santana legt nach. 1970 erscheint "Abraxas" mit dem genialen Doppelsong "Black Magic Woman/Gypsy Queen" sowie "Samba Pa Ti", welches zu einem der berühmtesten Instrumentals der Rockgeschichte wird. Dabei sind auch die fröhlichen Percussion-Kracher "Oye Como Va" und "Se A Cabo". Mit solcher Musik und dem symbolhaltigen Cover des Albums festigt die Combo ihr exotisches, gar mystisches und dämonisches Image.
Das dritte Album geht in dieselbe Richtung, auch wenn die Songs immer ausgefeilter werden. Aber der Erfolg zeigt Nebenwirkungen. Ausufernder Drogenkonsum und strapaziöse Tourneen erweisen sich als wachsendes Problem. Santana vergrößert sich um den fünfzehnjährigen Neal Schon an der Gitarre und Coke Escovedo an der Percussion, doch gleichzeitig driften die Musiker auseinander. Ihr Musikgeschmack, ihre Vorstellungen bezüglich der weiteren Entwicklung und verschiedene andere Dinge passen nicht mehr zusammen. Rolie dazu: "Wenn du 21 bist, alles hast und machen kannst, was du willst, wirst du ein wenig verwöhnt und dumm. Es ging zu viel zu schnell für jeden von uns".
Die Band zerbricht 1971 zwischen Fertigstellung und Veröffentlichung von "Santana 3". Ständige Wechsel sollen fortan zu einem Charakterzug Santanas werden.
Für viele Fans sind die ersten drei Alben das Beste, was Santana je produziert hat. In der Tat bilden sie eine abgeschlossene Einheit und definieren den typischen Santana-Sound. Sie haben enormen Einfluss auf die Rockmusik.
Carlos mit dem markanten Klang seiner Gitarre prägt unzählige Gitarristen. Eine derartige Bilanz ist kaum zu übertreffen. Und trotzdem hat die Band ihre Höchstleistungen noch vor sich.
Höhenflüge in Jazzgefilden
Santanas Musik wandelt sich tiefgreifend, bewegt sich plötzlich in anderen Sphären. Die drei Alben "Caravanserai" (1972), "Welcome" (1973) und "Borboletta" (1974) sowie die parallel eingespielten Soloalben mit John McLaughlin und Alice Coltrane entstehen in der kreativsten und anspruchsvollsten Phase von Carlos Santanas Schaffen.
Später sagt er dazu: "Ich muss die Musik spielen, die aus meinem Herzen kommt. Nachdem ich 'Caravanserai' fertig hatte, nach den ersten drei Alben, haben einige Leute es schlecht gemacht. Jahre später haben viele von ihnen zugegeben, dass es sie lehrte, Musik auf eine andere Weise zu hören. Es war seiner Zeit voraus, aber ich kann nicht auf alle warten. Um dich weiter zu entwickeln, musst du eine Gelegenheit ergreifen und von allem lernen. Die Kritik interessiert mich nicht wirklich".
Carlos, von Michael Shrieve auf den Geschmack gebracht, orientiert sich in Richtung Jazzfusion im Stil von John McLaughlin und Weather Report. Für die Arbeit an "Caravanserai" holt man diverse Vertreter dieser Richtung ins Studio.
Armando Peraza, hier erstmals bei Santana, bedarf besonderer Erwähnung. Dieser 1924 in Kuba geborene Percussionspieler ist sicher einer der wichtigsten Latin-Musiker des Jahrhunderts. Er bleibt Santana fast drei Jahrzehnte lang treu und wird ein entscheidender Freund, Wegbegleiter und auch Lehrer von Carlos Santana.
Auch Jazzpianist Tom Coster wird für mehrere Jahre zu einem festen Bestandteil der Band und bringt einige für Carlos wichtige Fähigkeiten mit. "Über Musiktheorie weiß ich so gut wie gar nichts. Tom hilft mir bei solchen Sachen immer. Ich verdeutliche ihm ein Feeling, ich höre etwas, wir arbeiten es dann zusammen aus, und dann ist er es, der mir sagt, dass dieses und jenes z. B. ein Septimenakkord in B ist, und mir bleibt nichts anderes übrig, als zu staunen und ahhh zu sagen". Carlos hat ihn bei Gabor Szabo entdeckt.
Durch John McLaughlin lernt er den Guru Sri Chinmoy kennen. Bei ihm findet er die ersehnte innere Ruhe und Ausgewogenheit. "Meine Frau und ich waren enttäscht von diesem katholischen Ding", erklärt Carlos, "und wir suchten östliche spirituelle Werte - etwas, das sich nicht um Verdammung und Richten dreht. Wir suchten Erweiterung und Anerkennung unserer gesamten Persönlichkeiten als Individuen, wodurch man innerlich flexibler wird". Von 1972 bis 1981 bleiben die beiden dem Guru treu, der Carlos den Beinamen "Devadip" (Licht oder Auge Gottes) gibt.
Neben dem Blues gehören John Coltrane und Miles Davis zu den neuen Einflüssen und Vorbildern von Carlos. Santanas Jazzfusion-Phase - so wichtig und atemberaubend schön die in dieser Zeit entstandenen Alben auch sein mögen -dauert aber nur etwa drei Jahre. Doch auch später wird Carlos immer wieder Ausflüge in den Jazz unternehmen. Die Ergebnisse sind diverse Soloalben und Gastauftritte bei McCoy Tyner, Weather Report, Wayne Shorter und anderen.
Zurück auf der Erde ...
Bill Graham rät Carlos, es mal wieder mit rockigerer Musik zu versuchen, die unverändert viele Fans von Santana wünschen. Carlos tut sich schwer damit, gilt seit Jahren doch sein gesamtes Streben der Perfektion seines Spiels und dem Erreichen von Spiritualität, die er mit seiner Musik ausdrücken möchte. Er gesteht freilich: "Ich merkte, dass ich mich zu weit von meinen Wurzeln entfernt hatte. Ich war verloren".
Sein alter Freund Eric Clapton bringt Carlos dazu, sich bei Stücken wie "Jingo" nicht mehr die Ohren zuzuhalten, sondern danach zu tanzen. Und so entsteht das Album "Amigos" (1976). "Manchmal musst du dich verlieren, um dich zu finden", sagt Carlos und denkt an seine Ausflüge in Jazzgefilde. "Wenn du dann einmal soweit draußen warst, merkst du plötzlich, dass die Top Ten sich ziemlich gut anhören. So wird 'Dance Sister Dance' zur Rückkehr Santanas zur Popmusik".
"Dance Sister Dance" ist einer der drei Höhepunkte auf "Amigos" - neben dem feurigen "Gitano" und dem getragenen Instrumental "Europa". 1977 folgen "Festivál", erstmalig mit Raul Rekow an den Congas, sowie das Live- und Studio-Doppelalbum "Moonflower", welches Santana mit dem Zombies-Cover "She's Not There" einen großen Hit beschert.
Santana spielt wieder Latinrock, wenn auch ausgefeilter als auf den ersten drei Alben, aufwändiger produziert und mit funkigen Einsprengseln. Seit "Amigos" wird der Sound auch von Greg Walkers samtiger Stimme geprägt.
In dieser Zeit beginnt die Disco-Ära. Die Plattenindustrie überschwemmt den Markt mit durchgestylter Designermusik. Auch Santana kann sich dem nicht entziehen, wird glatter, flacher, eingängiger, poppiger. Einen ersten Vorgeschmack liefert "Inner Secrets" (1978). Es folgen "Marathon" (1979), "Zebop!" (1981) und "Shangó" (1982). Neuer Sänger ist der Schotte Alexander Ligertwood, dessen durchdringende Reibeisenstimme den aktuellen Stil mit weniger Latin und mehr Mainstream-Rock passend unterstützt.
Zwischendurch veröffentlicht Carlos mit "Oneness" (1979), "The Swing Of Delight" (1980) und "Havana Moon" (1983) einige anspruchsvolle und wirklich gute Soloalben, auf denen er zeigt, dass es auch anders gehen kann. Und auf der Bühne legt Santana die ganzen Jahre hindurch zweieinhalb- bis dreistündige Konzerte hin, die vor Spielfreude und Vitalität nur so sprühen.
... und am Boden
Doch die Platten wirken zunehmend lustlos. Überflüssige Songs häufen sich, bis mit "Beyond Appearances" (1985) ein komplett überflüssiges Album entsteht, das augenscheinlich nur der Erfüllung von Vertragspflichten dient. Der Druck zu kommerziellen Produktionen macht der Band zu schaffen. Carlos klagt später über "Plastikproduzenten", die ihm "den Sound verderben".
"Freedom" (1987) enthält immerhin einige zaghafte Lichtblicke. Und in "Songs Of Freedom" sprechen die Musiker deutlich genug ihre eigene Situation an: "Everybody tells me, we love your songs/Your soul is precious, but it just ain't good enough/You need a single to help you through/Program directors, they all make the rules/I said you're kidding, you're putting me on/What about the Constitution, freedom of expression".
Mit "Spirits Dancing In The Flesh" (1990) ist ein weiterer Aufwärtstrend erkennbar, doch von CBS/Sony Music hat Santana genug. Der Vertrag läuft aus und wird nicht verlängert.
Wie Phönix aus der Asche
Polydor verspricht Santana nun wesentlich mehr künstlerische Freiheiten, was sie mit einem endlich mal wieder geschlossenen und überzeugenden Album danken.
Wie damals bei den ersten Santana-Platten spielt für "Milagro" (1992) die gesamte Band gemeinsam und quasi live im Studio. "Es war von größter Bedeutung," sagt Carlos, "so lebendig wie möglich aufzunehmen, um den Moment roh, nackt und rein einzufangen. Es gab keine Zeit zum Nachdenken, nur Fühlen und Spielen". Genau dies hat Santana verdammt gut getan. Endlich mal wieder ein komplettes neues Album der Band mit Herz und Seele.
Mit "Sacred Fire" (1993) folgt ein herausragendes Livealbum, bei dem Santana dank des Heimspiels in Südamerika sozusagen den Turbo einschaltet. Das ist Latinrock pur. Sie können es noch. Sie dürfen es wieder.
Dann folgt mit "Santana Brothers" (1994) ein interessantes Familienprojekt, bei dem unter anderem Carlos' Bruder Jorge mitwirkt, der mit der Band Malo und solo eigene Lorbeeren als Latinrocker verdient hat.
Und es folgt eine fünfjährige Pause, in der einige teils interessante Veröffentlichungen aus Archiven wie "Live At The Fillmore '68" (1995) die Fans bei Laune halten.
Megahits und Grammyregen
Im September 1997 unterschreibt Carlos bei Arista, deren Präsident und Gründer Clive Davis Santana schon 1968 zu CBS geholt hat. "Carlos Santana zu verpflichten ist eine sehr emotionale Sache für mich, denn wir kommen nach langer Zeit wieder zusammen. Carlos ist ein unvergleichlicher Musiker und seine Musik ist modern, kraftvoll und zeitlos wie seit jeher. Er bringt Zuhörer jeden Alters in seinen Konzerten zusammen und ich weiß, dass sein kommendes Album bei Arista seinen bereits legendären Erfolgen neue Höhepunkte hinzufügen wird". Dies sagt Clive Davis im Herbst 1997.
Im Sommer 1999 taucht Santana im Rundfunk auf. Gitarre und Sound sind unverkennbar. Fans staunen, denn sowas ist seit Jahren, eigentlich seit Jahrzehnten, nicht passiert, jedenfalls nicht im normalen Dudelfunk-Tagesprogramm.
Es stellt sich bald heraus, dass dies kein Ausrutscher ist, sondern die erste Auskopplung aus einem neuen Album, der noch drei weitere folgen. Von nun an ist Santana im Rundfunk ständig präsent. "Smooth" wird der erste Nummer-Eins-Hit von Santana in den USA und führt sieben Wochen lang die Billboard-Charts an. "Supernatural" steht drei Wochen ganz oben in den Album-Charts. Anfang 2000 sind bereits über sieben Millionen Exemplare des Albums verkauft. Weitere Single-Auskopplungen und Hits werden "Maria Maria", "Corazon Espinado" und "Put Your Lights On".
Während seit bald zwanzig Jahren neue Santana-Alben von den Medien mehr oder weniger ignoriert werden, prasselt am 23. Februar 2000 ein Rekordregen von unglaublichen acht Grammies für "Supernatural" auf den Gitarristen ein. Endlich gibt es die nach drei Jahrzehnten lang verdiente Anerkennung eines größeren Publikums für Carlos und seine Musik.
Carlos möchte mit seiner Musik etwas verändern. "Ich möchte ein nützliches Mitglied der Gesellschaft sein und anderen das selbe ermöglichen - Menschen, die wütend sind und vielleicht mit einer Waffe auf der Straße. Sie haben viele Entschuldigungen: 'Die Weißen taten dies meiner Rasse an' - ich meine, jeder hat Ausreden, warum er wütend ist, und einige von ihnen sind berechtigt. Aber mit der richtigen Einstellung hast du keine Zeit dafür. David Frost fragte Nelson Mandela: 'Nach so vielen Jahren im Gefängnis, sind Sie da nicht ein klein wenig verbittert?' Und Nelson Mandela sagt: 'Glauben Sie mir, ich wünschte mir, ich könnte mir den Luxus von so etwas leisten, aber ich habe keine Zeit. Es kostet so viel Zeit, positive Dinge zu tun'.
Dies brauchen wir in den Medien - diese Seite von Menschlichkeit, die ein Teil von dir und ein Teil von mir ist. Weil das uns stolz macht, Menschen zu sein. Dies versuche ich zu erreichen. Ich will den Menschen positives Denken und positive Motivation vermitteln. Wenn du Straßenfeger bist, kehre besser als jeder andere in der Stadt. Und wenn du Gitarre spielen willst, gib dir wirklich, wirklich Mühe und daddel nicht 'rum".
Viele vor allem jüngere Hörer mögen Santana 1999 zum ersten Mal wirklich wahrgenommen haben, nicht ahnend, dass dreißig Jahre einer wechselvollen Geschichte auf sie blicken.
Drei Jahre später erscheint ein würdiges Folgealbum. Sein Titel: "Shaman" (2002). Mit dem Schamanen ist Carlos Santana gemeint, dessen Musik schon seit Woodstock das Bewusstsein erweitert, Glücksgefühle vermittelt und Schmerz lindert. Aber der Schamane ist nur ein Anwender. Das eigentliche Heilmittel ist der Blues - "Blues, the Healer", wie Carlos einst mit John Lee Hooker gesungen hat. Das bewährte Konzept von "Supernatural" wird beibehalten. Viele Gastmusiker beteiligen sich an vielen Songs. Altmeister Clive Davis fungiert erneut als Produzent.
Weitere drei Jahre später folgt "All That I Am" (2005). Ein weiteres feines Album, vielleicht gar besser als "Supernatural" und "Shaman". Carlos legt ein Solo nach dem anderen hin, nicht eins davon irgendwie langweilig, alle voller Inspiration und Gefühl. Die Grundstimmung des Albums mag etwas dunkler, hardrockiger sein, der Sound etwas tiefergelegter, weil basslastig abgemischt.
Wie kommt so ein Album mit all diesen unterschiedlichen Gästen eigentlich zustande? "Clive Davis und ich suchen gemeinsam nach Songs. Dabei bringt er sieben Songs mit und ich ebenfalls. Meine Songs kommen entweder aus dem Herzen oder aus dem afrikanischer Musiker wie Fema Kuti. Dann kommt meine Gitarre mit meiner Art von Dynamik drüber. Clive sucht die neuen Lennons und McCartneys wie Rob Thomas, Dave Matthews oder Wyclef Jean. Wenn wir einen fertigen Song haben, laden wir die Sänger ein, die wir uns für den Song vorstellen können - Mary J. Blige, Lenny Kravitz oder wen auch immer. Wir proben zusammen und stellen fest, ob die Verbindung stimmig ist oder nicht".
Parallel zu diesen CDs erscheinen diverse DVDs mit Konzertaufnahmen. Besonders Montreux ist prominent und mit sehenswerten Mitschnitten vertreten, die vor allem Jazz- und Bluesfreunde unter den Santana-Fans interessieren dürften.
Der Albumtitel "All That I Am" hört sich fast ein wenig bedrohlich nach Manifest oder Schlussstrich an. Aber tatsächlich wird es nur eine Zwischenbilanz sein. Der vorzeitige Ruhestand ist nichts für einen dynamischen Carlos Santana, wie wir ihn hier erleben, dem seine Musik alles bedeutet. Im Gegenteil. Er hat bereits angekündigt, beim fünfzigsten Woodstock Reunion dabei zu sein - mit allen, die noch übrig sind. Das wäre im Jahr 2019. Wie gut können die dann noch spielen? Wie gut können wir dann noch hören?
Soul Sacrifice
Dort, wo die Wiege der Menscheit steht, steht auch die Wiege der schönsten Musik, die ich kenne. Carlos Santana wird nicht müde, auf seine afrikanischen Wurzeln zu verweisen.
Die häufig sich wandelnde Combo um den Gitarristen hat in Woodstock, Mexiko, Deutschland, Russland, Japan, Australien, Südafrika und vielen anderen Ländern auf allen Kontinenten der Welt seit Jahrzehnten zahllose Menschen mit der universellen Sprache ihrer Musik erreicht.
Liebe, Hingabe, (Selbst-)Aufgabe - "Love Devotion Surrender" (1973) - diese Einstellung zu seiner Musik prägt Carlos Santana. Er hat sein Leben der Musik gewidmet, hat sich ihr bereits im Kindesalter mit Haut und Haaren verschrieben. So gesehen ist der große Donnerschlag, mit dem Santana auf sich aufmerksam macht, Programmatik pur, quasi das Motto der Band: "Soul Sacrifice", vorgetragen am 16. August 1969 auf dem Gelände von Max Yasgur. Wir erleben im Film, mit welcher berührenden Hingabe und Intensität Santana diesen Titel spielt, das Publikum in Woodstock überwältigt und sich den Weg zum Erfolg bahnt.
Die Botschaft kommt an. Unweigerlich spürt der Zuschauer, dass die Musiker mit vollem Einsatz dabei sind und ihre ganze Kraft und Kreativität einbringen. Diese Authentizität im Auftreten ist gepaart mit Klängen, die innere Wellen - "Waves Within" (1972) - zum Schwingen bringen.
Da zupft also ein begnadeter Gitarrist mit seiner Band an den Saiten unserer Seelen. Mag ihm dies noch möglichst lange gelingen. Und mag seine Botschaft nicht ungehört verhallen, sondern von vielen Menschen aufgenommen werden: Mach deine Arbeit oder was dir wichtig ist gut und sorgfältig, mit Überzeugung, Liebe und Hingabe. Andernfalls verplemperst du dein Leben. Versuche, du selbst zu werden - das zu aktivieren, was in dir steckt.
Hagen Rudolph


